Ein von manchen als Islamisierung Europas, von anderen als Versagen der Europäer bei der Integration der Muslime bezeichneter Prozess ist in Frankreich an einen kritischen Punkt gelangt. Zu den beunruhigendsten Erscheinungsformen dieses Konflikts gehört

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Ein von manchen als Islamisierung Europas, von anderen als Versagen der Europäer bei der Integration der Muslime bezeichneter Prozess ist in Frankreich an einen kritischen Punkt gelangt. Zu den beunruhigendsten Erscheinungsformen dieses Konflikts gehört die Entstehung einer besonderen Form von Gewalt, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Eine Auswahl aktueller Nachrichten liest sich wie ein Katalog von schwerer Körperverletzung, Messerstecherei, Erschießen, Brandstiftung und Plünderung; Angriffe auf Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute, alte Damen und Rentner; Revierkämpfe, Stammeskämpfe, Morde wegen Frauen, wegen Gesten, wegen gar nichts; tote Jugendliche, mörderische Jugendliche, über das Schlachtfeld einer ganzen Nation verstreute Leichen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser endlosen Reihe anscheinend disparater krimineller Vorkommnisse und den bei aufrührerischen Unruhen und Demonstrationen offen zur Schau gestellten Identitätsmarkern − Kufiyagesichtsmasken, Hisbollahfahnen, Intifadaparolen, islamischen Anfeuerungsrufen? Die generelle Tendenz in Frankreich, Informationen zurückzuhalten, und die bewusste Entscheidung, ethnische und religiöse Symbole auszublenden, führt zu einer Berichterstattung des weißen Rauschens über Kriminalität. Namen, Fotos und Hintergrundinformationen über die Täter, Verdächtigen und Opfer werden gewöhnlich verheimlicht, besonders wenn es um Informationen geht, die das Image der Muslime beschädigen könnten.

Es gibt jedoch umfangreiches Beweismaterial, dass die Immigration mit einer spezifisch islamischen Abneigung gegenüber den Juden, Verachtung westlicher Werte und anderen antisozialen Einstellungen einherging, die durch religiösen Eifer verstärkt und durch den Konflikt zwischen einer autoritären Familienstruktur und der permissiven französischen Gesellschaft verschärft wurden. Viele in Frankreich geborene Muslime der zweiten und dritten Generation, die darauf bedacht sind, sich fernzuhalten von einer »französischen« Identität, sind nicht weniger anfällig für diese Einflüsse als erst vor kurzem Immigrierte.

»Wir wollen den Nahostkonflikt nicht bei uns einführen.« Diese beschwichtigenden Worte wurden von den Verantwortlichen aller politischen Richtungen jedes Mal wiederholt, wenn die Wut der Muslime über die vermeintliche zionistische Verfolgung der Palästinenser durch Gewalt gegen Juden in Frankreich »gerächt« wurde, besonders durch die zahllosen Angriffe auf Juden, die seit Beginn der »Al-Aqsa-Intifada« im September 2000 registriert wurden. Für die zunächst als »Beleidigungen und Mobbing« kleingeredete schlimmste Welle antijüdischer Aggressionen seit dem Zweiten Weltkrieg wurde später der Import eines sonderbaren »ausländischen Bazillus« verantwortlich gemacht, der die harmonischen Beziehungen zwischen den hier ansässigen jüdischen und muslimischen Gemeinden störte. Währenddessen importierten die Medien den Konflikt mit aller Macht, propalästinensische Nichtregierungsorganisationen agitierten, und Friedensmärsche gegen den Krieg im Irak verwandelten sich in Strafaktionen gegen die Juden.

In Frankreich ist die Erhebung von Statistiken zur ethnischen und religiösen Zugehörigkeit zwar verboten, aber man schätzt, dass das Land die höchste Zahl muslimischer Einwohner in Westeuropa aufweist, etwa fünf bis zehn Millionen, und ebenso von Juden − circa 550 000. Mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung sind Sepharden, überwiegend Flüchtlinge aus Nordafrika. Die muslimischen Einwohner, von denen die meisten Anfang der siebziger Jahre nach Frankreich kamen, stammen vor allem aus dem Maghreb und Schwarzafrika mit einem hohen Anteil von Türken, daneben gibt es kleinere Gemeinden aus der übrigen islamischen Welt und eine wachsende Zahl von Konvertiten.

Die ethnische oder religiöse Identität und die zugrundeliegenden Motive derjenigen, die in Frankreich Juden angreifen, sind nicht mysteriöser als die der Dschihadisten, die anderswo zuschlagen, von den World-Trade-Center-Terroristen bis zu dem Bombenattentäter vom Times Square und Zehntausenden ihres Schlages. Ein französisch-muslimischer Gewalttäter schlägt einem französischen Juden nicht deshalb den Kopf ein, weil er seine Wut nicht an einem Israeli auslassen kann: Seine Füße, Fäuste, seine Eisenstange und sein Messer zerschlagen vielmehr die falsche Unterscheidung von Antizionismus und Antisemitismus.

Im Mai 2004 riefen Zehntausende von meist jüdischen Demonstranten, die gegen die Terrorangriffe auf israelische Zivilisten und die Angriffe auf Juden in Frankreich protestierten, »Synagogues brûlées, République en danger«. Heute, wo die Situation der französischen Juden die Form eines unsicheren Waffenstillstands angenommen hat − mit einem langsamen, aber stetigen Rückgang der Bevölkerungszahl, einer nicht nachlassenden Emigration nach Israel und dem Fernbleiben von Vierteln mit einem hohen Anteil muslimischer Einwohner −, ist die Französische Republik in Gefahr, da die antijüdischen Gewalttätigkeiten sich auch auf die Mehrheitsbevölkerung ausgedehnt haben, die »dreckigen Franzosen« und die »dreckigen Weißen«.

Frankreichs »politique arabe« wurde unbeabsichtigt auf den innerfranzösischen Schauplatz transponiert. Die verdrehte Logik und verkommene Ethik, die den Staat Israel dafür verantwortlich machen soll, dass es ihm nicht gelingt, Frieden auf Erden zu schaffen, hat sich nun gegen die Franzosen selbst gekehrt. Ein Mitleidsdiskurs, der palästinensische Greueltaten gegen israelische Zivilisten als eine Reaktion auf »erlittenes Unrecht« rechtfertigt, entschuldigt auch die innerfranzösische Kriminalität als Rache für den Kolonialismus, für Diskriminierung, Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit und Polizeischikanen. Die Verwechslung von offen bekundeten genozidalen Absichten mit schwer erreichbaren Zielen − ein palästinensischer Staat, der in Frieden mit Israel lebt − stiftet eine Verwirrung im Lande, die nicht mehr zwischen aufrührerischen Schlägern und frustrierten, aber gesetzestreuen Immigranten unterscheiden kann. Der Vorwurf der »unverhältnismäßigen Reaktion«, der als die höchste Trumpfkarte gegen Israel ausgespielt wurde, wird zu einem Joker, wenn die französischen Bereitschaftspolizisten als Robocops dargestellt werden, die »palästinisierte« Immigranten tyrannisieren.

So werden denn die palästinensischen Terroristen »militante Palästinenser« genannt, die Dschihadisten der Gazaflottille als »Philanthropen« präsentiert und die jungen französischen Kriminellen sind »Jugendliche«. Dieser trügerische Allgemeinbegriff, der dazu dient, die Identität der ortsansässigen maghrebinischen und afrikanischen Schläger zu kaschieren, ist eine widersinnige Übersetzung des arabischen Worts »shahab«. Tatsächlich liest man nicht selten von einem »sechsunddreißigjährigen erwachsenen Jugendlichen«, der in eine Schlägerei verwickelt war oder eines Mordes verdächtig ist.

Sind die französischen Jugendlichen zu Wilden geworden? Stehlen sie alten Frauen die Handtasche und töten einen Mann, der ihnen keine Zigarette geben will? Sind das dieselben Jugendlichen, die an Friedensmärschen teilnehmen, umweltfreundlich leben, Religion hassen und kulturelle Vielfalt verehren? Organisiert die französische Jugend den Drogenhandel, während sie für das Baccalauréat lernt? Bricht sie in Schulen ein, um rivalisierende Drogenhändler zu töten oder hochnäsige Lehrer niederzustechen? Sind die französischen Jugendlichen, die mit ihren iPhones im Café sitzen und nackt am Strand sonnenbaden, dieselben, die sich − zwanzig gegen einen − zusammenrotten gegen einen Mann, der ihre Freundinnen zu lange anschaute? Was ist mit den jugendlichen männlichen Paaren, die Hand in Hand auf der Rue Ste. Croix de la Bretonnerie im Marais spazierengehen? Treffen sie sich mit Rivalen für eine Messerstecherei am Gare du Nord? Wohl kaum.

Bei den Unruhen von 2005, als randalierende muslimische Jugendliche in den Sozialbausiedlungen überall im Lande Autos und öffentliche Gebäude in Brand setzten und die Sicherheitskräfte angriffen, die versuchten, Recht und Ordnung wiederherzustellen, glaubten die Pariser, als die Feuer auf der anderen Seite brannten, dass sie sicher wären innerhalb unsichtbarer Mauern. »Das ist nur die Banlieue«, sagten sie. Eine zweite Diskursphase über die Notwendigkeit, die Wohnverhältnisse, die Infrastruktur, die öffentlichen Verkehrsmittel und die Arbeitsmöglichkeiten zu verbessern, versuchte das Problem einzugrenzen. Noch vor Ende des Jahres flammten jedoch die Feuer im Zentrum der Stadt auf, und die Probleme der Banlieue verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.

Fünf Jahre später, als Frankreich von einer weiteren, wenn auch diffuseren und schwerer zu beschreibenden Welle von Gewalt erschüttert wird, bleibt der Diskurs ähnlich steril. Die Zeitungen tragen eine Litanei von Gewalttaten vor und wiederholen die Standardformeln. Nachrichtensprecher trällern mit sanfter Stimme kleine Lieder über tribale Konflikte, als ob Revierkämpfe und tödliche Messerstechereien als Vergeltung für einen Blick, eine Geste das Normalste von der Welt wären. Bukolische Ortsnamen, die Erinnerungen wecken an die Bootsfahrten der Impressionisten, sind der Schauplatz blutiger Verbrechen. Tödliche Messerstechereien in Schulen, die nach Helden der Résistance benannt wurden, werden dem Einfluss von Videospielen zugeschrieben und einem vom Kapitalismus stimulierten Verlangen nach Konsumgütern. Schon eine kleine Auswahl aus dem Jahr 2010 zeigt ein düsteres Bild.

  • 14. Januar: Adrien, ein Achtzehnjähriger aus Sannois (Val-d'Oise) wird von einer mit Knüppeln, Messern, Golfschlägern und einem japanischen Schwert bewaffneten Bande von Jugendlichen brutal ermordet. Er hatte versucht, sich in eine Autowerkstatt zu flüchten, aber deren Chef wurde herausbeordert und musste hilflos mitansehen, wie die Jugendlichen Adrien zu Tode schlugen und stachen. Spätere Berichte lassen erkennen, dass dieser Mord der letzte Akt an einem Tag der Kämpfe zwischen zwei verfeindeten Gruppen war. Die verzweifelte Mutter des Opfers beschimpft die Jugendlichen, weil sie Unruhe stiften und das Viertel in Verruf bringen, macht jedoch für deren Aggression polizeiliche Schikanen verantwortlich.
  • 23. Januar: Ein »sechsundzwanzig Jahre alter junger Mann« wird erstochen auf der Straße in dem Sozialbauviertel Orgemont in Épinay-sur-Seine (Seine-Saint-Denis) aufgefunden. Ein Verdächtiger stellt sich der Polizei, die Umstände der Tat wurden jedoch nicht aufgeklärt. Am selben Tag werden vier Menschen durch Schüsse aus Luftpistolen verletzt, wiederum ohne Aufklärung der Tatumstände. Und ein sechzehnjähriges Mädchen wird in Saint Gratien (Val-d'Oise) von ihren zwei Brüdern und den strengen muslimischen Eltern schwer geschlagen, weil sei im Internet gechattet hatte; die Ärzte befürchten, dass sie ein Auge verlieren wird.
  • 31. Januar: Ein Bandenkrieg, an dem hundert Jugendliche beteiligt sind, einige von ihnen mit Messern bewaffnet, findet im Vorortsbahnhof Boissy-Saint-Léger statt, anscheinend im Zusammenhang mit einem Hip-Hop-Konzert.
  • 6. Februar: Ein siebzehnjähriger Jugendlicher wird in der Nähe des Stadions Parc des Princes im 16. Arrondissement von Paris mit Messerstichen getötet.
  • 7. Februar: Jugendliche kämpfen in Chanteloup-les-Vignes (Yvelines) zwei Stunden lang gegen die Polizei. Am folgenden Tag werden zwei Männer »afrikanischer Herkunft«, wahrscheinlich Gangster, im 9. Arrondissement von Paris erschossen, und am 20. Februar wird ein Mann am helllichten Tage in der Rue des Pyrénées im 20. Arrondissement erschossen.
  • 21. Februar: In Conteville (Seine-Maritime) wird ein dreiundsiebzig Jahre alter Mann, der seinen Freund, einen pensionierten Altmetallhändler, besucht, von Räubern getötet, die in das Haus einbrachen.

Was geschah dann? Wurden die Tatumstände aufgeklärt? Die Täter gefasst? Verurteilt? Wir werden es wohl nie erfahren. In der Gewissheit, dass ihnen die Identität der Täter aus ideologischen Gründen vorenthalten wird, leisten die Leser die Detektivarbeit anhand von verräterischen Hinweisen und irritierenden Ähnlichkeiten. Jugendliche, Messer, die Banlieue? Zwanzig gegen einen? Drogenkriege? Revierkämpfe? Bandenkriege? Der verwirrte Bürger situiert jeden Vorfall auf einer Linie irgendwo zwischen der in der Öffentlichkeit beobachteten einschüchternden Pöbelhaftigkeit und den im Fernsehen verfolgten Massenaufständen.

  • 28. Februar: Eine bei ihren Nachbarn sehr beliebte afrikanische Witwe wird in einer Bank zum Entsetzen der hilflosen Kunden und Bankangestellten erstochen. Am folgenden Tag wird ein sechsundsiebzigjähriges Rentnerehepaar in seiner Wohnung in Pont-Sainte-Maxence (Oise) ganz in der Nähe von Paris brutal ermordet.
  • 1. März: Ein Sechzehnjähriger ertrinkt in dem Fluss Yerres in Villeneuve-Saint-Georges (Val-de-Marne) bei dem Versuch, seinen Verfolgern zu entkommen, die ihn nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus gestellt hatten, wo er wegen seiner bei einem früheren Vorfall erlittenen Verletzungen behandelt worden war.
  • 10. März: Vier mit Messern und einer Pistolenattrappe bewaffnete maskierte Jugendliche schleichen sich durch den Behinderteneingang in einen Hörsaal der Universität Paris XIII-Villetaneuse (Seine-Saint-Denis) und stehlen insgesamt neun Handys und vierzig Euro von den Studenten und dem Professor.
  • 3. April: Fünfzehn Jugendliche werden im Zentrum von Grenoble aus einer Straßenbahn geschmissen. Drei junge Männer und eine Frau steigen an derselben Haltestelle aus. Die Jugendlichen belästigen sie und fragen die Frau nach einer Zigarette; sie sagt, sie habe keine mehr. Sie stoßen einen der jungen Männer zu Boden, trampeln auf seinem Kopf herum, schlagen ihn bewusstlos, stechen auf ihn ein, perforieren dabei seine Lunge und laufen dann davon; das Opfer, ein als Martin identifizierter vierundzwanzigjähriger Kartograph, schwebt zwischen Leben und Tod.
  • 30. April: Ein Mann mit einer Jarmulke wird im Zentrum von Straßburg von zwei Muslimen angegriffen, die ihn mit einer dicken Eisenstange zu Boden schlagen und ihm zweimal mit einem Messer in den Rücken stechen.
  • 14. Juli: Ein zweiundfünfzigjähriger behinderter Mann wird von vier Jugendlichen »anscheinend afrikanischer Herkunft«, die ihn um Zigaretten und ein paar Euro anbettelten, zu Tode geprügelt. Die Polizei sucht nach Zeugen.
  • 4. August: Ein vierundsechzigjähriger Mann wird von drei Jugendlichen vor seinem Haus entführt, zu einem entlegenen Ort gebracht und dort geschlagen und gefoltert, bis er ihnen verrät, wo er seine Ersparnisse − ein paar tausend Euro − versteckt hält. Das Opfer wurde in Lebensgefahr schwebend ins Krankenhaus eingeliefert, sein Gesicht war zerschnitten, ein Finger abgehackt worden.

Überall, wo die Punk-Dschihadisten beschließen, ein Territorium abzustecken − eine Straßenecke, eine Parkbank, einen Platz in der Warteschlange oder eine Sozialbausiedlung −, bestrafen sie Eindringlinge mit erbarmungsloser Gewalt.

Ein im Südwesten Frankreichs im Zentrum von Perpignan lebendes junges Ehepaar, das es wagte, gegen den ohrenbetäubenden Lärm der Motorradfahrerrodeos mitten in der Nacht unter ihren Fenstern zu protestieren, hätte dafür fast mit seinem Leben bezahlt. Fünfzehn Jugendliche, die »Wir bringen euch um« schrien, drangen in das Gebäude ein, rasten die Treppe hoch und hämmerten mit solcher Gewalt gegen die Wohnungstür des Ehepaares, dass die daran anschließende Wand einzustürzen begann. Sie liefen davon, als die Polizei anrückte.

Jugendliche aus l'Essonne bestraften eine Familie, weil einer der Jungen eine Bemerkung machte, als sie sich in einem Asterix-Freizeitpark dreißig Kilometer nördlich von Paris in der Warteschlange vordrängelten. Sie riefen Verstärkungen herbei, holten die Familie auf dem Parkplatz ein, verprügelten die Jungen und schlugen deren Mutter. Der 13. Juli, der Vorabend des französischen Unabhängigkeitstages, wird traditionellerweise mit Tanz auf den Straßen gefeiert. Jugendliche, die verbotene Feuerwerksraketen abfeuerten, verursachten mindestens siebenundvierzig Brände. Eine dreiundsechzig Jahre alte Frau starb, als eine Rakete, die durch ein offenes Fenster gefeuert wurde, ihre Wohnung in Brand setzte. Das von Raketen getroffene zweite Stockwerk einer Feuerwehrwache im 19. Arrondissement ging in Flammen auf, während die Menschen im Erdgeschoss tanzten.

Ein unbedeutender Verkehrsunfall auf einer Schnellstraße außerhalb von Paris endete mit einem blutigen Mord, weil das Opfer, ein junger Familienvater namens Mohammed, die für den Unfall verantwortliche Frau bat, eine Versicherungserklärung zu unterschreiben. »Willst du den Franzosen spielen?«, weigerte sie sich, bevor sie ihre Freunde aus der nahegelegenen Sozialbausiedlung les Mureaux um Hilfe antelefonierte. Die in einem Artikel als »Schwarze« identifizierten Jugendlichen trafen in voller Stärke ein und schrien »Wir bringen dich vor den Augen deiner Mutter um« und machten sich dann daran, dem Mann mit blindwütiger Brutalität den Schädel einzuschlagen und ihn, wie versprochen, im Beisein seiner Familie auf der Stelle zu töten. Zwei der Mörder senegalesischer Herkunft wurden namentlich auf einer senegalesischen Website identifiziert.

Durch eine Transponierung der Mentalität des Nahostfriedensprozesses wird das Scheitern der Integration Frankreich zur Last gelegt, so wie das Scheitern bei der Errichtung eines palästinensischen Staates Israel zur Last gelegt wird. Den Palästinensern werden sechzig Jahre Aggression verziehen, und straffällige Immigranten werden von der Verantwortung für ihr antisoziales Verhalten und ihre selbstzerstörerischen Strategien entbunden. Hamas greift Israel jahrelang an, Israel schlägt schließlich zurück und wird dafür auf die Anklagebank gesetzt; straffällige Bewohner lassen ihre eigenen Sozialbauten verkommen, was dann als Beweis sozialer Ungerechtigkeit zur Schau gestellt werden kann. Die öffentliche Meinung überall auf der Welt schaut weg, wenn die Hamas dem Gazastreifen das Schariarecht aufzwingt, und die Medien verschließen die Augen davor, dass Schläger den Sozialbausiedlungen ihr Recht aufzwingen.

Banlieue-Gaza-an-der-Seine für die einheimischen Aufständischen, Banlieue-Gaza-Freilichtgefängnis für den mitleidigen Kirchenchor. Egal wie viel getan oder gegeben wird, es ist nie genug; wie barbarisch das Verhalten auch sein mag, es gibt immer eine Rationalisierung dafür. Hier und dort und überall werden ethische Grundsätze aufgelöst, und die Logik kapituliert vor dem magischen Denken. Wenn Mütter freiwillig zustimmen, dass ihre Kinder als »shahids« sterben, als zu Märtyrern gemachte Mörder, wird eben das Ausmaß des Schreckens dieser Vergeltungsmaßnahmen als Beweis für das Ausmaß der von ihnen erduldeten Unterdrückung präsentiert.

In Frankreich wird jede Form von Brutalität − einschließlich des Mordes an Ilan Halimi, dem jungen französischen Juden, der Januar 2006 von einer Bande aus der Banlieue gekidnappt und in einem Zeitraum von drei Wochen zu Tode gefoltert wurde − irgendeiner Form der »Ausgrenzung« zugeschrieben. Der offen demonstrierte Antisemitismus des Bandenchefs Yussuf Fofana, eines fanatischen Judenhassers, wurde dazu benutzt, die Motive der etwa zwanzig an dem Verbrechen beteiligten Bandenmitglieder unterschiedlicher Herkunft zu verschleiern. Die Verteidiger organisierten Pressekonferenzen und veröffentlichten Kommentare in den Medien, um die Existenz von Antisemitismus in der Banlieue zu leugnen und ihre Klienten als irregeleitete, benachteiligte Jugendliche darzustellen.

Die gleiche auf den Kopf gestellte Reihenfolge, die in der ersten Woche der Al-Aqsa-Intifada erklären sollte, warum die Palästinenser vom Steinewerfen zum Gebrauch von Schusswaffen übergegangen waren − weil die israelischen Streitkräfte auf die berechtigte »Revolte« überreagiert hatten −, soll nun erklären, warum die Jugendlichen aus den Banlieues mit automatischen Waffen auf die Polizei zu schießen begannen: weil die Ordnungskräfte quasimilitärisch auftraten.

Ihre Identifizierung mit dem palästinensischen »Widerstand« ermutigt die in Frankreich geborenen Straftäter. Die Punk-Dschihadisten, die Alkohol trinken, Trainingsanzüge tragen, kaum jemals einen Fuß in eine Moschee setzen und den Koran nicht im klassischen Arabisch lesen können, errichten ihre Herrschaftsgebiete, als handele es sich dabei um ein religiöses Projekt.

Keine Agentur in Frankreich würde auch nur im Traum daran denken, den »Hamas an der Seine«-Bericht des Fotojournalisten Jean-Paul Ney anzubieten, der von der französischsprachigen, in Israel ansässigen Metula News Agency am 31. Mai 2010 veröffentlicht wurde und worin beschrieben wird, wie vermummte propalästinensische Demonstranten »zionistische Verrätermedien«, »Juden in die Öfen«, »Fick Frankreich«, »Sarkozy, der kleine Jude«, »Obama, der Nigger der Juden« riefen und wiederholt die Polizeiabsperrungen durchbrachen, um zur israelischen Botschaft zu gelangen und ihrer Wut über den Konflikt um die Gazaflottille freien Lauf zu lassen. Zusammen mit den Anarchisten des »Schwarzen Blocks« zerstörten die Aufständischen Eigentum, warfen Pflastersteine auf die Polizei und richteten erhebliche Schäden auf den Champs Élysées an. Ney konnte deutlich an die Bereitschaftspolizei gesendete Befehle hören: »Versucht nicht, sie aufzuhalten!«

Der Marseille Bondy Blog feierte den französischen Unabhängigkeitstag auf seine Weise, indem er ein T-Shirt mit einer algerischen Fahne in den Umrissen Frankreichs präsentierte − das sah der mit einer palästinensischen Fahne bedeckten Karte Israels zum Verwechseln ähnlich. »Junge Immigranten der zweiten oder dritten Generation aus dem Maghreb, den Komoren usw.«, erklärt eine als Sonia identifizierte junge Frau, »versuchen, sich zu finden.« Das T-Shirt ist das Ergebnis ihrer Suche: »Wir haben wirklich eine doppelte Kultur; wir sind beides.«

Die französischen Medien bevorzugen automatisch bei jedem Konflikt, in den Israel verwickelt ist, die andere Version der Ereignisse. Die Geschichte des Zwischenfalls im August 2010 an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon, bei dem ein israelischer Offizier, drei libanesische Soldaten und ein libanesischer Journalist getötet wurden, als libanesische Truppen das Feuer auf Soldaten der Israelischen Verteidigungsarmee eröffneten, die auf israelischem Gebiet routinemäßige Instandhaltungsarbeiten vornahmen, wurde in Frankreich natürlich in der libanesischen Version gemeldet. Diese wurde innerhalb von vierundzwanzig Stunden als Fälschung entlarvt und der tatsächliche Verlauf der Ereignisse glaubwürdig in allen Einzelheiten nachgewiesen, aber die Medienalchimisten verwandelten die schmutzigen Fakten in schillerndes Gold. Warum sollte man den israelischen Quellen Glauben schenken, selbst wenn sie von UN-Truppen vor Ort bestätigt wurden?

Angesichts der Tatsache, dass der inszenierte Tod des Zwölfjährigen aus Gaza, der angeblich kaltblütig von israelischen Soldaten im September 2000 erschossen worden war, von Charles Enderlin in Szene gesetzt wurde, dem langjährigen Jerusalem-Korrespondenten des staatlichen Fernsehsenders France 2, graut es den französischen Behörden verständlicherweise vor einem solchen Ereignis auf eigenem Boden, nicht zuletzt deshalb, weil die Jugendlichen gern ihre eigenen Kinder-Märtyrer fabrizieren und dann aus Rache dafür Amok laufen.

Die Unruhen 2005 waren durch den Tod zweier Minderjähriger ausgelöst worden, die sich in eine Transformatorenstation geflüchtet hatten, angeblich verfolgt von der Polizei und angeblich aus nichtigen Gründen verfolgt. Im November 2007 erlitten mehrere Polizisten Schussverletzungen bei einer Schlacht mit etwa zweihundert Jugendlichen in Villiers-le-Bel (Val-d'Oise), nachdem zwei Jugendliche ohne Motorradhelm auf einem verbotenen Minimotorrad die Straße entlangrasten, gegen einen Polizeiwagen prallten und starben. Unmöglich zu erfahren, ob Abu und Adama Kamara, Ibrahim Sow, Maka Kante und Samuel Lambalamba, die im Juli 2010 zu Gefängnisstrafen zwischen drei und fünfzehn Jahren verurteilt wurden, unschuldig sind, wie sie behaupten, oder nur den Kopf für andere Jugendliche hingehalten haben; es ist, als ob das Gericht sein Urteil über einen Vorfall sprach, der sich in einem fernen Lande ereignet hatte. Nach einem ähnlichen Unfall inWoippy, einem Vorort von Metz, wurden die Gendarmen mit Steinen beworfen, vierzehn Fahrzeuge einschließlich eines Busses in Brand gesteckt, Telefonzellen und eine Schule verwüstet. Dies sind nur einige von zahlreichen Zwischenfällen, bei denen Jugendliche mit gestohlenen Wagen oder Motorrädern vor der Polizei flüchten, einen Unfall verursachen und dabei umkommen. Doch die Version der »benachteiligten« Seite mag noch so weit hergeholt sein, sie hat in den französischen Medien allemal Vorrang vor der offiziellen Version. Jede polizeiliche Ermittlung ist nach Auffassung der Medien suspekt. Die Polizei sollte in solchen Fällen, so empfehlen es die Medien, nicht die Verfolgung aufnehmen. Ein Sympathisant erklärte vor den Fernsehkameras, dass die Polizei die Namen der Raser in den gestohlenen Wagen kenne − man sollte sie nach Hause fahren lassen und dann am nächsten Tag festnehmen. Wen interessiert es denn, wenn die Jungen unterdessen einen tödlichen Verkehrsunfall verursachen?

Die Medien boten eine kurze Besichtigungstour an, als die Polizei in einer von Drogenhändlern kontrollierten Sozialbausiedlung im Pariser Vorort Sevran (Seine-Saint-Denis) eine Razzia durchführte. Graffiti-Richtungspfeile zeigen die Richtung zu den »Verkaufsstellen«; die Bewohner erzählen, wie sie Kontrollpunkte passieren müssen, um Zugang zu ihren Wohngebäuden zu erlangen, und die Kameramänner vom Fernsehen hatten Glück, dass sie mit ihren Filmaufnahmen entkommen konnten. »Militante« reagierten auf die Razzia mit den mittlerweile vertrauten Brandstiftungen, Zerstörungen und dem Beschießen von Polizisten.

Versprechen der Regierung, dem Gesetz Geltung zu verschaffen, rufen einen Aufschrei der Empörung hervor bei mitleidsvollen Soziologen, linken Richtern, Staatsanwälten und Bürgermeistern sowie Mitgliedern von dem Guten gewidmeten Organisationen, die feierlich erklären, dass »Repression keine Lösung ist«. Doch die der Polizei aufgezwungene unangemessene Zurückhaltung hat nur ihre Antagonisten ermutigt: Mehr als fünftausend Polizisten wurden 2009 in Ausübung ihrer Pflichten verletzt, allein in den Monaten Januar und Februar des Jahres 2010 waren es etwa eintausendeinhundert. Bei Zwischenfällen in der letzten Zeit wurden Polizisten umzingelt, mit Pflastersteinen beworfen, getreten, geprügelt, mit Hämmern auf den Kopf geschlagen, gedemütigt und wie die Opfer eines Straßenraubs behandelt, nicht wie Gesetzeshüter.

Die internationalen Medien, die sich weitgehend auf die Nachrichtenagenturen Agence France-Press und Associated Press stützen, haben wenig Interesse an Frankreichs Kriminalitätsproblemen gezeigt: Das vor kurzem erlassene Anti-Gesichtsschleier-Gesetz wird als Ausdruck der Intoleranz angesehen. Die Beschwerden der Minderheiten werden unbesehen geglaubt, und die Bemühungen der Regierung, dem Gesetz Geltung zu verschaffen, werden als Zugeständnisse an die extreme Rechte verurteilt.

In Wirklichkeit und im Gegensatz zu den Berichten über die französische Gesellschaft gibt es dort keine Tradition der ethnischen und rassischen Segregation oder von Ghettos. Die Menschen sind ständig in Bewegung; die öffentlichen Verkehrsmittel transportieren ihre Fahrgäste aus den Vororten in die Stadtzentren, und die Stadtviertel sind ethnisch und rassisch gemischt. Die seit einiger Zeit stattfindende − und immer unvollständige − Ghettoisierung bestimmter Sozialbausiedlungen ist Ergebnis ihrer wachsenden Kriminalität. Wenn die »caȉds«, die kriminellen Bosse, Herr im Hause sind, dann gehen diejenigen, die es können; diejenigen, die es nicht können, unterwerfen sich. Es ist ein Schmalspurdschihad.

Der Überfall auf ein Spielkasino in Uriage in der Nacht zum 16. Juli 2010 wäre nur eine weitere Eintragung auf der langen Liste ungelöster Verbrechen geblieben, wäre die Polizei nicht bei ihrer Verfolgungsjagd tief in das Revier der Gangster geraten, ein Sozialbauprojekt in Villeneuve, einem Vorort von Grenoble. Die beiden Gangster mit kugelsicheren Westen eröffneten das Feuer mit automatischen Waffen. Die Polizei erwiderte das Feuer und tötete einen von ihnen mit einem Schuss in den Kopf. Sein Komplize entkam. In der Siedlung brach die Hölle los.

Das »Opfer« war diesmal kein Jugendlicher auf einem Motorrad, sondern der siebenundzwanzigjährige Wiederholungstäter Karim Boudouda, der bereits dreier bewaffneter Raubüberfälle überführt worden war, aber immer noch frei herumlief. Neunzig Autos wurden in der ersten Nacht in Brand gesetzt, zwanzig in der darauffolgenden. Panzerwagen, Kommandotruppen und Einsatzpolizei wurden herangeschafft, aber Boudoudas Freunde feuerten weiter auf die Polizei, während seine Mutter ihre Absicht kundtat, die Polizei zu verklagen. Der Besitzer einer Bar, angeblich ein Cousin Boudoudas, wurde verhaftet, nachdem auf dem Grundstück ein Waffenlager und ein Schießstand entdeckt worden waren. Mehrere Personen wurden im Zusammenhang mit der Suche nach Boudoudas Komplizen − dessen Name und Personalbeschreibung nicht öffentlich bekannt gemacht wurden − festgenommen und anschließend freigelassen. In der ersten Septemberwoche wurde der mutmaßliche Komplize, der Wiederholungstäter Monsif Ghabbour, schließlich ausfindig gemacht, verhaftet, angeklagt und dann sofort unter Polizeiaufsicht entlassen. Die Polizei ist empört, und der Staatsanwalt hat Berufung gegen die Freilassung eingelegt. Einige direkt an dem Schusswechsel beteiligte Polizeibeamte wurden in andere Regionen oder in den Ruhestand versetzt − das Ganze machte den Eindruck eines beschämenden Rückzugs. Siegestrunken verfolgten Karims Männer sie mit persönlichen Morddrohungen.

Elf Tage später durchbrach Luigi B. in Saint-Aignan eine Straßensperre und schleifte einen Gendarmen fünfhundert Meter weit auf der Kühlerhaube seines Autos mit, tat dann so, als würde er an einer zweiten Sperre halten, beschleunigte aber plötzlich und steuerte direkt auf zwei Gendarmen zu. Einer der beiden schoss auf den vorbeirasenden Wagen. Als Luigis Leiche in zehn Kilometer Entfernung gefunden wurde, liefen seine Freunde Amok. Vandalen verwüsteten ein Polizeirevier, setzten einen Bäcker in Angst und Schrecken, hackten ein Dutzend Bäume nieder und griffen in den folgenden Tagen öffentliche Gebäude in einem halben Dutzend Ortschaften an. Der Soziologe Michel Wieviorka analysierte die beiden Ereignisse im typisch französischen Jargon: »Die Erwartungen der Vorstädte sind enttäuscht worden.« Er fügte hinzu: »Es ist eine Frage des Territoriums, nicht von Ethnien oder Religionen.«

Wider Erwarten machte die Regierung sich nicht in aller Stille in die Sommerferien davon in der Hoffnung, dass sich die Gemüter in Villeneuve bis zum September beruhigen würden. Der Präsident, flankiert vom Innenminister und dem Minister für Immigration, nahm den Kampf auf, kündigte eine Reihe strenger Maßnahmen an und wagte es, Verbrechen mit Immigration in Verbindung zu bringen. Nicht mit jedem Verbrechen, und nicht mit allen Immigranten. Aber er verstieß gegen das Tabu, indem er einfach auf das Offensichtliche verwies und dem das Versprechen scharfer Maßnahmen gegen Verbrecher hinzufügte, die auf die Polizei schießen. Darüber hinaus sollte eingebürgerten Polizistenmördern ihre Staatsangehörigkeit aberkannt werden. Steuerbeamte sollten in die Sozialbausiedlungen geschickt werden, um hart gegen Leute vorzugehen, die im Luxus leben, während sie Arbeitslosengeld beziehen. Schwerkriminalität, Polygamie und Klitorisbeschneidung sollten ebenfalls Gründe für die Aberkennung der Staatsbürgerschaft sein (diese Bestimmung wurde später zurückgenommen). Illegale Romasiedlungen sollten abgerissen und Personen, die sich illegal im Lande aufhielten, nach Rumänien, Bulgarien etc. zurückgeschickt werden.

Plötzlich brachten die Medien Hintergrundberichte über Villeneuve, das vor dreißig Jahren als Modell sozialer Harmonie entworfen worden war; außerhalb der Universitätsstadt Grenoble entstanden Seite an Seite öffentliche und private Wohnbauten, eingerahmt von einer landschaftlich schön gestalteten Umgebung. Was ist da schiefgegangen? Die Wirtschaftskrise, hieß es von staatlicher Seite, habe das Scheitern des Projekts ausgelöst; die Eigentümer aus der Mittelklasse zogen weg. Wichtiger noch war die Enthüllung, dass Boudouda »Leutnant« in einem der kriminellen Clans war. Die heutige Generation der maghrebinischen Bosse ist skrupelloser und brutaler als frühere Gangstergenerationen Grenobles − italienische Mafiosi gefolgt von französisch-italienischen Neo-Mafiosi. Ihr Vorgehen ist umso brutaler, als es schlecht geplant und ausgeführt wird. Sie räumen Missverständnisse mit Ausschluss, Folter oder einem Kugelhagel aus.

Dass die Regierung Klartext geredet hatte, erschütterte Frankreich bis in die Grundfesten. Präsident Sarkozy wurde beschuldigt, sich zynisch bei den rechtsgerichteten Wählern der Front National anzubiedern und die schmachvolle Kollaboration der Vichy-Vergangenheit wiederaufleben zu lassen, die französischen Franzosen von den ausländischen Franzosen zu trennen (was den Selektionen in den Vernichtungslagern gleichkomme) und zu versuchen, die Aufmerksamkeit abzulenken von den niederträchtigen Skandalen seiner Regierung. In ihrem Eifer, die Regierung dafür zu verurteilen, dass sie das Unsagbare gesagt hatte, gingen die Kritiker unbekümmert über den Unterschied hinweg zwischen einem zwölfjährigen Fahrraddieb und einem siebenundzwanzigjährigen Wiederholungstäter, der mit automatischen Waffen auf Polizisten schießt.

Kein Tag vergeht ohne einen Schwall von Erklärungen, die den Präsidenten verurteilen. Der frühere sozialistische Premierminister Michel Rocard − man erinnert sich seiner als des Mannes, der Anfang der achtziger Jahre erklärt hatte, dass »Frankreich nicht das gesamte Elend der Welt aufnehmen kann« − versah Präsident Sarkozy mit dem Naziabzeichen und beschuldigte ihn, zum Bürgerkrieg aufzuhetzen. Jeder Oppositionsführer, ob wichtig oder unwichtig, griff zu Laptop oder Mikrofon, um den Präsidenten aufs nachdrücklichste zu verunglimpfen. Keine Holocaustmetapher wurde ausgelassen. Die Deportation von Roma, die sich illegal im Land aufhielten, wurde mit der Verhaftung der Juden in den vierziger Jahren gleichgesetzt. Die Rhetorik verkehrt nun gänzlich den wahren Sachverhalt: »Immigranten« (gemeint sind arabisch-muslimische Nordafrikaner und Afrikaner aus den Subsahara-Ländern) sind die heutigen Juden, obwohl in Wirklichkeit diejenigen, die gegenwärtig die Juden verfolgen, zu jener gesetzlosen Klasse gehören, die ungenau als »Immigranten« definiert wird.

Kann man von den maghrebinischen Gangstern von Villeneuve auf andere Vororte, andere Verbrechen, andere Nächte der Flammen und Zerstörungen schließen? Sollen die gesetzestreuen Bürger, einschließlich der muslimischen, gute Miene zum bösen Spiel machen? Falls diese Art der Kriminalität nicht ausschließlich kriminell ist, sondern mit einem umfassenderen Angriff auf westliche Werte und Lebensweisen zusammenhängt, muss die französische Gesellschaft sich damit auseinandersetzen. Gangster, das Lumpenproletariat und jugendliche Straftäter lassen sich leicht als Fußtruppen bei totalitären Bewegungen rekrutieren. Diese wenig französischen gesetzlosen Jugendlichen spielen ihre Rolle in einem Konflikt, der sich vom Krisenherd im Nahen Osten aus ausbreitet.

Während die desillusionierten Verfechter von Gesetz und Ordnung glauben, dass keine der angekündigten strengen Maßnahmen je zur Anwendung kommen werde, schwören die Verteidiger der Unterdrückten und Geknechteten, dass jeder Kriminalfall, in den Immigranten verwickelt sind, absichtlich hervorgehoben werde, um Feindseligkeit zu schüren und Unterdrückung zu rechtfertigen. Solche Vorwürfe mögen solange plausibel erscheinen, als das Thema rein theoretisch behandelt wird. Aber die faktischen Gegebenheiten sind widerspenstig.

Der fünfunddreißigjährige Lies Hebbadj zog im April 2010 die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, als er in Nantes eine Pressekonferenz einberief, umeinen Strafzettel anzufechten, den seine Frau deswegen erhalten hatte, weil sie mit Sichtbehinderung durch einen Gesichtsschleier Auto gefahren war. Er wurde danach des Sozialbetrugs, finanzieller Unregelmäßigkeiten, eines Verstoßes gegen das Arbeitsrecht sowie der Vergewaltigung und eines tätlichen Angriffs auf eine von ihm 2007 verstoßene Frau angeklagt. Hebbadj, der vier Niqab-verschleierte Frauen und sechzehn Kinder hat, wird vorgeworfen, über jährliche Einkünfte von mehr als dreihunderttausend Euro Sozialleistungen zu verfügen, wovon er sich ein Drittel auf betrügerische Weise verschaffte, indem er seine polygamen Frauen als alleinerziehende Mütter ausgab. Sollte ihm seine französische Staatsangehörigkeit aberkannt werden, die er durch seine Heirat mit einer Französin erworben hatte?

Zwei verschleierte, in schwarzen Stoffbahnen versunkene Frauen traten im Fernsehen auf, um sich darüber zu beklagen, dass Hebbadj − ihr Ehemann beziehungsweise Lebensgefährte und der Vater ihrer Kinder − zum Sündenbock gemacht worden sei. Die Kritiker Sarkozys behaupten, dass der Fall Hebbadj aus dem Hut gezaubert worden sei, um den schändlichen Plänen der Regierung zu dienen. Aber es war Hebbadj selber, der mit seiner Pressekonferenz die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen hatte. Warum fühlte er sich angesichts des umfangreichen Beweismaterials für Polygamie und Sozialbetrug unangreifbar? Warum glauben die Banditen von Villeneuve, dass sie mächtiger sind als die Polizei?

Sie fühlen sich unangreifbar, weil sie nicht verhaftet oder bestraft werden, und darüber hinaus können sie nicht kritisiert oder identifiziert werden, ohne dass Zeter und Mordio geschrien wird. Hunderte von Punk-Dschihadisten können mit dem Schrei »Fick Frankreich« Amok laufen, aber niemand hat das Recht zu sagen, dass sie einer bestimmten Gruppe oder Bewegung angehören. Niemand darf auch nur Vermutungen darüber anstellen, was sie mit anderen Rechtsbrechern gemeinsam haben − es sei denn, man stellt sie als unglückliche Unrechtsopfer dar.

Verfügt die französische Regierung über Mittel und Wege, Recht und Ordnung durchzusetzen? Jeder Versuch der Rechtsdurchsetzung bringt die Gefahr mit sich, einen landesweiten Aufruhr von überwältigendem Ausmaß zu entfachen. Es ist leicht, über Präsident Sarkozy zu schimpfen, wie es die New York Times den französischen Linken nachtut, oder andererseits den Präsidenten mit einer langen Liste seiner uneingelösten Recht-und-Ordnung-Versprechen zu verspotten. Aber es wäre vernünftiger, die Frage zu stellen, warum die Behörden dieser westeuropäischen Nation auch weiterhin ihre Feinde in der vergeblichen Hoffnung beschwichtigen, so eine Konfrontation vermeiden zu können. Und wie weit unterscheidet sich das eigentlich von dem Vorgehen der freien Welt, die hinter Friedensprozessen Schutz sucht, während der Iran sich unaufhaltsam auf den Punkt zubewegt, von dem es kein Zurück mehr gibt?

Die Rolle des Islam sowohl in den internen Auseinandersetzungen wie bei den internationalen Konflikten wird geleugnet. Genozidale Absichten, wie sie in der Charta der Hamas oder der Palästinensischen Befreiungsorganisation enthalten sind, in Dokumenten der Muslimbruderschaft, Predigten in Moscheen, Erklärungen arabischer und muslimischer Führer sowie im Koran und den Hadithen werden nicht beachtet. Kriminelle Handlungen und dschihadistische Aktionen werden als Verirrungen aller Art behandelt. Schlüssiges Beweismaterial wird in tausend Stücke zerschlagen und dann vergessen, und wer versucht, das Puzzle wieder zusammenzusetzen, wird abgemahnt.